
Manchmal begegnet uns ein Gedanke, bei dem wir nicht sofort wissen, warum er uns so beschäftigt. Nicht unbedingt, weil er völlig neu ist, sondern weil er etwas in Worte fasst, das wir vielleicht schon länger wahrnehmen.
So ging es mir bei der Beschäftigung mit dem Buch „Der blinde Fleck“ von Maria Sanchez. Ihre Arbeit rund um emotionale Selbstbegleitung und die Verbindung von Psychologie und Spiritualität hat bei mir vor allem eine Frage hinterlassen: Wer in mir möchte sich eigentlich entwickeln, verändern oder heilen?
Ich finde diese Frage deshalb so spannend, weil wir normalerweise davon ausgehen, dass der Wunsch nach persönlicher Entwicklung etwas Positives ist. Wir reflektieren unser Verhalten, lesen Bücher, besuchen Seminare, meditieren, setzen Grenzen, beschäftigen uns mit Beziehungen oder versuchen, Dinge aus unserer Vergangenheit loszulassen. Wir wollen bewusster werden, ruhiger, freier oder klarer.
Aber wer in uns möchte das eigentlich?
Was, wenn hinter unserem Wunsch nach Veränderung manchmal ein Anteil steht, der vor allem eines möchte: weg von dem, was sich gerade unangenehm anfühlt?

in der wir nach einem inneren Wunschzustand suchen – etwa nach Frieden, Freiheit, Heilung, Sicherheit oder Zufriedenheit. Gleichzeitig kann genau diese Suche von einem Persönlichkeitsanteil ausgehen, der das gegenwärtige Erleben eigentlich überwinden möchte.
Dieser Gedanke hat bei mir einiges ausgelöst. Denn wie oft sagen wir, wir würden einem Gefühl Raum geben, und hoffen gleichzeitig insgeheim, dass es dann endlich verschwindet? Wie oft „arbeiten“ wir an einer Verletzung, weil wir sie nicht mehr spüren möchten? Und wie oft sagen wir, wir hätten etwas losgelassen, obwohl ein Teil in uns vielleicht einfach beschlossen hat, dort nicht mehr hinzusehen?
Dann wäre unser vermeintliches Ja zu uns selbst vielleicht gar kein vollständiges Ja. Eher ein: Du darfst jetzt da sein – aber bitte nur, damit du anschließend gehst.
Menschen können uns sehr nah sein. Wir können vieles miteinander erleben, teilen und durchtragen. Und irgendwann verändert sich etwas. Nähe wird zu Distanz, Selbstverständlichkeit verschwindet, Erwartungen werden sichtbar oder wir erkennen, dass das, was einmal getragen hat, heute nicht mehr in derselben Form trägt.
Ich kenne dann auch das Bedürfnis, verstehen zu wollen. Warum verhält sich der andere so? Warum kommt Nähe und dann wieder Distanz? Was bedeutet eine bestimmte Nachricht? Soll ich darauf reagieren? Sollte ich mich melden? Sollte ich endgültig loslassen?
Und irgendwann habe ich bei mir selbst wahrgenommen, dass mich die Antworten auf diese Fragen gar nicht mehr so sehr interessieren wie früher.
Das fand ich bemerkenswert. Denn zunächst könnte man sagen: Gut, dann hast du eben losgelassen. Aber stimmt das wirklich? Oder ist auch das möglicherweise zu schnell gedacht?
War es der Teil, der verstehen wollte? Der Sicherheit gesucht hat? Der wissen wollte, woran er ist? Der gesehen werden wollte? Oder jener Teil, der glaubte, erst dann innerlich ruhig werden zu können, wenn das Verhalten des anderen einen Sinn ergibt?
Damit verändert sich für mich auch der Blick auf das viel verwendete Wort Loslassen.
Wir sprechen so häufig davon, Menschen, Situationen oder die Vergangenheit loszulassen. Auch ich habe dieses Wort oft verwendet. Inzwischen frage ich mich jedoch manchmal: Wer möchte hier eigentlich loslassen? Möchte ich wirklich freigeben – oder möchte ich etwas loswerden, weil ich nicht länger fühlen möchte, was dieser Mensch oder diese Situation in mir auslöst?
Vielleicht kann sogar Loslassen manchmal eine sehr feine Form des Weglaufens sein.
Und vielleicht gibt es gleichzeitig dieses andere Loslassen. Eines, das gar keinen großen Entschluss braucht. Kein „Jetzt reicht es“. Keine Abwertung des anderen und auch keinen endgültigen Schlusspunkt. Vielleicht bemerken wir irgendwann einfach, dass wir nicht mehr festhalten.
Für mich fühlt sich genau das anders an.
Ein Mensch darf mir weiterhin etwas bedeuten, ohne dass ich wissen muss, was er gerade tut. Eine gemeinsame Vergangenheit darf wertvoll bleiben, ohne dass daraus ein Anspruch auf dieselbe Nähe in der Gegenwart entsteht. Ich darf jemanden vermissen und trotzdem keinen Kontakt suchen. Ich darf mich über eine Nachricht freuen, ohne aus ihr wieder eine Geschichte für morgen zu machen.
Genau an diesem Punkt finde ich einen weiteren Gedanken von Maria Sanchez besonders interessant: Wir können mental sehr viel verstanden haben und emotional trotzdem an einer völlig anderen Stelle stehen. Wir können Bindungsmuster erklären, unsere Kindheit reflektieren, Kommunikationsmodelle kennen und ziemlich genau analysieren, warum ein Mensch tut, was er tut. Und trotzdem genügt manchmal ein Satz, eine Begegnung oder eine Nachricht und unser Körper reagiert, bevor unser kluger Kopf überhaupt etwas dazu sagen kann.
Vielleicht ist genau das ein Hinweis darauf, dass Verstehen und emotionales Reifen nicht dasselbe sind.
Sanchez richtet in ihrem Buch den Blick deshalb auch auf hartnäckige psychische und psychosomatische Symptome nicht einfach als etwas, das möglichst schnell beseitigt werden muss. Sie können vielmehr auf tiefere, bisher nicht erreichte innere Bereiche aufmerksam machen.
Diesen Gedanken finde ich auch außerhalb körperlicher Symptome interessant. Vielleicht ist nicht alles, was uns immer wieder berührt, ein Problem, das wir endlich lösen müssen. Vielleicht zeigt manches lediglich: Hier ist etwas, dem du bisher noch nicht wirklich begegnet bist.
Und dann wird es für mich besonders fein.
Was wäre, wenn meine Unruhe gerade nicht verschwinden müsste? Was wäre, wenn ich meine Enttäuschung nicht sofort in Dankbarkeit verwandeln müsste? Was wäre, wenn Traurigkeit nicht automatisch bedeutet, dass ich noch nicht losgelassen habe? Und was wäre, wenn ich einen Menschen lieben und gleichzeitig erkennen kann, dass ich diese Form der Beziehung nicht mehr leben möchte?
Vielleicht müssen wir nicht aus jedem unangenehmen Gefühl möglichst schnell wieder ins „Licht“ kommen.
Vielleicht dürfen wir manchmal einfach dort sein, wo wir gerade sind.
Das bedeutet für mich nicht, in Schmerz oder alten Geschichten hängen zu bleiben. Im Gegenteil. Es bedeutet, genauer hinzusehen, aus welcher inneren Haltung heraus ich etwas verändern möchte.
Maria Sanchez beschreibt genau darin einen wesentlichen blinden Fleck: Selbst die Annäherung an verletzte Seiten in uns kann wiederum von einem Persönlichkeitsanteil ausgehen, der diese Seiten letztlich verändern, überwinden oder auflösen möchte.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, bevor wir die nächste Methode anwenden, den nächsten Menschen analysieren oder uns vornehmen, nun endlich etwas loszulassen, für einen Moment innezuhalten.
Was ist gerade wirklich in mir da – und kann ich es einen Moment da sein lassen, ohne bereits zu entscheiden, was daraus werden muss?
Und vielleicht noch eine zweite:
Wer in mir möchte eigentlich, dass es anders wird?
Ich habe darauf selbst nicht immer sofort eine Antwort.
Und möglicherweise ist genau das der blinde Fleck, den es gar nicht mit aller Kraft aufzudecken gilt.
Genau diese Frage hat uns auch im ZEITGESCHEHEN vom 1. September 2026 im Campus Zukunft schneidern begleitet: Was darf losgelassen werden – und was vielleicht zuerst einmal gesehen, gefühlt oder verstanden werden?
Die Aufzeichnung findest du direkt im kostenlosen Campus Zukunft schneidern.
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Dieser Blogbeitrag ist ein persönlicher Reflexionsimpuls und wurde unter anderem durch die Arbeit von Maria Sanchez und ihr Buch „Der blinde Fleck“ inspiriert. Er ersetzt keine psychologische, psychotherapeutische, psychiatrische oder medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung.
Wenn dich die Gedanken von Maria Sanchez ansprechen und du ihren Ansatz näher kennenlernen möchtest, findest du auf ihrer offiziellen Website weitere Informationen zu ihrer Arbeit, ihren Büchern und Angeboten:
Maria Sanchez – offizielle Website
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